Alle Texte
InterviewsChristoph WaltzFebruar 2019

Der Mechaniker als Doktor

Der zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz im Gespräch über seine Rolle als Dr. Ido, über Hollywoods Mega-Blockbuster und über die Arbeit am Set im digitalen Zeitalter.

Christoph Waltz bei einer Veranstaltung in Berlin
Foto: Raph_PH / CC BY 4.0

Robert Rodriguez’ Manga-Verfilmung „Alita: Battle Angel“ ist ein groß angelegtes Action-Spektakel, „aber mit Herz“. Der zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz im Gespräch über seine Rolle als Dr. Ido, über Hollywoods Mega-Blockbuster und über die Arbeit am Set im digitalen Zeitalter.

Wie schon öfters speist sich das neueste Hollywood-Megaspektakel, das mit schlappen 200 Millionen Dollar gedreht wurde, aus einer populären japanischen Manga-Serie. Das Besondere daran: Mastermind ist hier kein Geringerer als Produzent James Cameron, der mit Laeta Kalogridis ( Shutter Island ) auch das Drehbuch geschrieben hat. Warum hat er das? Weil er seit gut 20 Jahren den Plan hatte, Kishiro Yukitos Manga „GUNNM“ (auch: „Ganmu“ oder „Battle Angel Alita“, seit 1991) zu verfilmen. Unter anderem wegen der fehlenden technischen Ressourcen, so Cameron, wurde das Projekt immer wieder verschoben.

Nun aber arbeitet Cameron ja seit geraumer Zeit an bis zu vier (!) Sequels zu seinem Mega-Blockbuster Avatar (2009), daher gab er sein Herzensprojekt schließlich an seinen Kumpel, den ähnlich technikbesessenen Robert Rodriguez, weiter. Der ließ sich nicht lange bitten und in Austin das „bisher größte Filmset in der Geschichte von Texas“ bauen, wo die – spätestens seit Blade Runner (1982) bekannte – dystopische Stadt aufgebaut wurde, die hier Iron City heißt. Wir befinden uns im 26. Jahrhundert, und Dr. Ido (im Manga war er Mechaniker) findet auf einem Schrottplatz Reste eines weiblichen Cyborgs, den er wieder zusammenflickt und Alita nennt. Pinocchio und Frankenstein und ähnlich populäre Geschichten lassen grüßen. Natürlich umgibt Alita ein dunkles Geheimnis aus ihrer zunächst unbekannten Vergangenheit. Doch allmählich kristallisiert sich heraus, dass das zarte Cyber-Girl eine veritable Kampfmaschine ist (siehe Titel). Ido, der das auch sieht, ist alles andere als begeistert, zumal auch die Schufte, die die Stadt regieren, bald auf Alita aufmerksam werden.

Alita – Battle Angel ist ein State-of-the-Art-Hi-Tech-Actionspektakel. Besonders deutlich wird das in einer wild bewegten Sequenz, in der Alita im Stadion gegen alle möglichen unfreundlichen Wesen ein Full-Speed-Killerspiel namens „Motorball“ bestreitet. Da geht es krachend zur Sache. Dass der Film aber viel mehr als das sei, wird von den Machern ausdrücklich betont. Im Herzen des Films, so heißt es, schlummere eine tief empfundene Liebesgeschichte zwischen „Vater“ und „Tochter“. Dass diese funktioniert, dafür sorgen wohl die aparte Rosa Salazar, bisher vor allem aus TV-Serien und aus der Maze-Runner -Franchise bekannt, und der Meister aller Schauspielklassen, Christoph Waltz, der, wie er selbst sagt, mit Science-Fiction nicht viel am Hut hat – wohl aber mit dem romantischen Kern des Films und mit dessen „politischer Aussage“. Dazu kommen weitere Oscar-Preisträger und –innen wie Jennifer Connelly und Mahershala Ali, der diesmal einen ganz Bösen spielt. Man darf prophezeien, dass das ein großer Erfolg wird.

Was hat Sie denn an dem Projekt „Alita“ angezogen?

Dass es eine sehr vielschichtige Angelegenheit ist. Ich bin ein großer Bewunderer der Filme Billy Wilders. Die waren lustig, geistreich, interessant, haben gut ausgesehen, waren spannend und unterhaltsam. Und vor allem: Da war immer ein tieferer Gedanke drin, den auszuloten sich gelohnt hat. In diesem Fall ist das auch so, zwar ein bisschen extremer, aber die Zeiten sind auch extrem.

Die Verpackung ist anders ...

Die Verpackung ist größer, aber dass man einem Publikum, das sich solche Filme anschaut, etwas mehr zumutet als üblich, das finde ich phantastisch.

Sie meinen die Vater-Tochter-Geschichte ...

Ja, aber das ist nur ein Aspekt. Ein anderer Aspekt ist der sozialkritische, letztendlich politische, der ganz deutlich zum Ausdruck kommt, nicht verschämt. Das ist großartig. Denn unter uns können wir das immer wieder verhandeln und einer Meinung sein, bis die Kiah hamkummen ( Dialekt im Original ). Aber das einem großen Publikum zu servieren, ist noch einmal etwas anderes.

Das haben Sie schön gesagt. Wie sehr hat es denn mit den Namen Cameron und Rodriguez zu tun, dass Sie dabei sind?

In dem Fall war es eher Robert Rodriguez, denn der Produzent ist ja üblicherweise nicht so sehr involviert. Obwohl, gut, in dem Fall irgendwie schon. Aber James Cameron hat ja Rodriguez das Projekt übergeben, also, so richtig.

Er wollte es ja seit 20 Jahren selbst machen.

Tja, es ist ihm etwas dazwischengekommen, was ein bisschen gedauert hat, die sind ja immer noch fleißig am Drehen, machen ja zwei oder drei Sequels von Avatar . Es gibt einen Themenpark, ein Museum, eine Wanderausstellung, einen Cirque du Soleil, das ist eine ganze Industrie. Dass man da keine Zeit hat für so ein Filmchen, ist ja klar.

Filmchen ist gut. Wie stehen Sie denn grundsätzlich zu diesen Mega-Blockbustern, die ein Budget verschlingen, um das sie ein Kleinstaat beneiden würde?

Verschlingen ist meistens auch das richtige Wort, wobei ich nicht sicher bin, dass sich der Aufwand immer lohnt. Aber über Geschäfte dieser Art weiß ich nichts. Das Ausmaß und die Größe eines Films sind mir eigentlich wurscht. Ich habe sehr wenige Filme dieser Art gesehen, aber die, die ich gesehen habe, haben mich so gelangweilt, dass ich keinen anderen mehr sehen wollte. Letztendlich geht es dabei meist um Hardware, die sich gegenseitig zerstört, das finde ich jetzt nicht so spannend.

Aber Sie sehen bei „Alita“ einen Unterschied.

Ja, ich sehe einen deutlichen Unterschied. Interessanterweise, das ist mir aufgefallen, kann man diesen Unterschied an der Musik hören, denn diese hier ist eine ganz klassische, schlüssige, empfindsame und thematisch orientierte Filmmusik. Sehr sensibel, sehr subtil. Das ist in den anderen Filmen, von denen wir gesprochen haben, nicht so, denn da wird nur trompetet, und zwar durchgehend, weil sie sich nicht an Mitglieder eines Publikums richten, sondern an ein kollektives Nervensystem, das gereizt werden muss, und damit ist die Aufgabe erledigt. Ich übertreibe das jetzt ein bisschen, aber deswegen habe ich dafür kein Interesse, ich bin sowieso schon so nervös.

Science-Fiction als Genre, ist das eine Ihrer Filmvorlieben?

Es war interessant, das alles einmal zu sehen und zu erleben, schon vom technischen Aspekt her. Aber grundsätzlich ist das nicht unbedingt mein Genre, und wenn, dann so wie in Truffauts Fahrenheit 451 .

Warum, glauben Sie, sind Science-Fiction-Filme fast immer dystopisch? Gibt es keine positive Vision von der Zukunft, vom 26. Jahrhundert, wie in diesem Fall? Oder ist eine Dystopie einfach kinematografischer?

Naja, kinematografisch könnte es ja auch sein, wenn das Ganze positiv besetzt wäre. Aber ich glaube, das ist vor allem den klassischen Bedingungen des Dramas geschuldet. Wenn eh alles in Ordnung ist, dann lohnt es sich nicht, darüber zu reden. Es muss ein profunder Konflikt stattfinden, um die Geschichte erzählenswert zu machen. Wie Hitchcock so schön sagte: „Wie das Leben, nur ohne die langweiligen Teile.“ Ein existenzieller Konflikt ist schon irgendwie nötig, und die Angst vor der Zukunft ist ein solcher existenzieller Konflikt. Ich glaube, das macht die Faszination von Science-Fiction aus.

Sie haben gesagt, die Größe macht für Sie keinen Unterschied. Aber die Arbeit am Set hat sich für diese Art von Film doch sehr verändert, oder? Stehen Sie nicht die ganze Zeit vor Green Screens, etwa wenn Alita auf den Straßen von Iron City fast von diesem Zenturion zermalmt wird?

Nein, gar nicht. Das ist alles gebaut! Das macht man jetzt, und grüne Wände sind nur noch in den seltensten Fällen notwendig. Darum sieht das auch alles so gut aus. Die Green Screens waren ja nicht dazu da, dass man nachher kleine Änderungen vornehmen konnte, sondern dazu, dass das Ganze im Computer generiert werden konnte. Die Technologie ist heute so fortgeschritten, dass nichts mehr im Computer erzeugt werden muss. Es stehen ungleich mehr Daten zur Verfügung, wenn es gebaut ist. Dafür gibt es 46 fest montierte Kameras, acht Kameras, die mit der Hand geführt werden, und dazu zwei riesige 3D-Kameras. Die 3D-Kameras nehmen das Filmbild auf, sozusagen. Die anderen sind dazu da, Daten zu sammeln. Motion Capture ist eben so, dass Sie eigentlich keine Kameras mehr bräuchten, außer diesen Datensammlern. Jedes Set wird mit einem Laserscanner abgescannt, diese Daten kann man auf ein Bild übertragen. Man könnte auch das ganze Set auf einem 3D-Drucker ausdrucken, und zwar in jedem Maßstab und mit jedem Detail. Das ergibt eine ungleich höhere sensorische Qualität, wenn die Sache wirklich gebaut ist. Und man kann alles manipulieren, man kann Sachen machen, die wir uns vielleicht gar nicht vorstellen können. Man kann in einem Take schneiden, man kann in eine Großaufnahme hineinschneiden, weil man hat alles zur Verfügung, zu jeder Zeit, aus jedem Winkel – aber das ist in erster Linie dadurch möglich, dass es wirklich gebaut ist.

Aber Sie spielen als Schauspieler nach wie vor eine Szene, es gibt zwei, drei, 47 Takes...?

47 vielleicht nicht unbedingt, aber sonst, ja, ist alles wie gehabt, da gibt es nichts Aufregendes zu berichten. Der Regisseur will ja trotzdem den Take, der am besten gelungen ist.

Und Alita, also Rosa Salazar, wie sah die aus, als Sie mit ihr spielten?

Ganz normal, die sah fast so aus wie im Film, allerdings hatte sie einen Motion-Capture-Anzug an. Aber ob sie jetzt einen grauen Anzug anhat oder ein rosa Kleiderl, ist ja letztlich egal.

Wie ist denn das: Wenn junge Schauspielerinnen und Schauspieler mit Ihnen, dem zweifachen Oscar-Preisträger, spielen, sind die dann nervös? Rosa Salazar zum Beispiel?

Na hoffentlich, irgendeinen Vorteil muss man ja haben. (Lacht) Nein, Rosa ist ja kein Backfisch, sie weiß genau, was sie macht, sie ist blitzgescheit und auch sehr erfahren. Sie ist ja auch nicht mehr zwölf, sondern 33, sie lässt sich also durch übertriebenen Respekt sicher nicht beeinflussen.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Dr. Ido und Alita? Die Geschichte hat ein bisschen was von „Pinocchio“, das japanische Manga bezog sich ja auch darauf.

Ganz verkehrt ist der Vergleich sicherlich nicht. Allerdings hat ja Carlo Collodi, der Autor, die Figur und vor allem das Verhältnis der beiden auch nicht erfunden, denken wir an den wunderbaren E.T.A. Hoffmann und die mechanische Puppe Olympia, oder an „Pygmalion“.

Oder „Frankenstein“ ...

Ja. Das ist einfach ein Thema, das uns intensiv beschäftigt, quer durch die Zeitalter.

Was, glauben Sie, fasziniert uns an Cyborgs und Robotern so sehr?

Uns fasziniert in erster Linie, dass es uns bevorsteht. Aber dass es uns so plastisch vor Augen geführt wird wie hier, das ist natürlich großartig. Und dass wir unsere Zweifel, unsere Skepsis hintanstellen, wozu wir ja bei jeder phantastischen Geschichte aufgefordert sind, dass wir die sogenannte Realität ausblenden und uns dem Geschehen hingeben, das macht den Reiz aus. Natürlich ist die Geschichte auch sehr gewalttätig, aber die Tatsache, dass das keine Menschen sind, sondern Maschinen, erleichtert uns den Zugang. Wären das alles Menschen, wären wir abgestoßen, also jedenfalls diejenigen unter uns, die noch richtig ticken. Dadurch, dass das Blut hier eine klebrige blaue Soße ist, ist es auch leichter zu akzeptieren, dass so viel davon fließt. Es ist abstrakter.

Im Manga ist Ido Mechaniker, hier ist er Arzt. Was genau war der Grund für diese Akzentverschiebung?

Im Grunde ist er noch immer Mechaniker, aber unter lauter mechanischen Kreaturen ist er natürlich der Arzt. Er heißt ja auch im Manga Dr. Ido. Das finde ich einen ganz witzigen Nebeneffekt, dass der Mechaniker in dem Fall auch der Doktor ist.

Das Interview fand am 28. November 2018 in Berlin statt und wurde im ray Filmmagazin im Februar 2019 veröffentlicht.

Weiterlesen