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RezensionenDie Frau im NebelMai 2023

Polizist mit Wischtüchern

Eine „schwarze“ Krimihandlung mit einer Femme fatale, einem von seiner Arbeit besessenen Polizisten und allem, was dazugehört, eine herzzerreißende Liebesgeschichte und ein ergreifendes Melodram in einem Film – geht das? Anhand von Park Chan-wooks Die Frau im Nebel lässt sich feststellen: Es geht, und zwar ganz hervorragend.

Tang Wei in einer Szene aus „Die Frau im Nebel“
Tang Wei in Die Frau im NebelFoto: Plaion Pictures

Eine „schwarze“ Krimihandlung mit einer Femme fatale, einem von seiner Arbeit besessenen Polizisten und allem, was dazugehört, aber auch mit einer Portion Humor, eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die so schön ist, dass sie einem schier den Atem raubt, dazu noch ein ergreifendes, hoch emotionales Melodram und das alles in einem Film – geht das? Anhand von Park Chan-wooks Die Frau im Nebel lässt sich feststellen: Es geht, und zwar ganz hervorragend. Ob der deutsche Titel, der sich offenbar auf einen schmachtenden koreanischen Schlager bezieht, der im Film vorkommt oder aber auf die rätselhafte Frau, die in seinem Zentrum steht, treffender ist als der Originaltitel („Die Entscheidung, wegzugehen“), der von der Protagonistin im Laufe des Films hinlänglich erklärt wird, sei dahingestellt.

Tatsache ist, dass der koreanische Regisseur sich mit diesem Film erneut als Meister seines Faches erweist und hier alle Register seines Könnens zieht. Das schließt alles mit ein, die Atmosphäre, in der sich das Geschehen abspielt, die Stimmungen, die Musik und die betörenden Bilder. Und natürlich eine Geschichte wie man sie – trotz gewisser Anklänge an die Filme Wong Kar Wais oder Alfred Hitchcocks – so noch nicht gesehen hat. Gerade der legendäre britische Regisseur ist ja ein erklärter Favorit von Park Chan-wook, und sein Entschluss, trotz eines Philosophiestudiums Filmemacher zu werden, habe sich, wie Park immer wieder erzählt, verfestigt, als er im Kino dessen Meisterwerk Vertigo (1958) gesehen habe. Diese Referenzen zu finden und zu erkennen, macht zwar Spaß, sie tun aber letztlich nicht wirklich etwas zur Sache, denn Park Chan-wook erzählt, wie in allen seinen Filmen, eine ganz eigene, unverwechselbare Geschichte, mit seinen eigenen, unverwechselbaren Mitteln.

Die Geschichte des Films ist im Grunde so einfach, dass sie auf eine Briefmarke passen würde. Es handelt sich im Wesentlichen um nichts anderes als um die Grundelemente eines Film noir oder, um bei Park Chan-wooks Vorlieben zu bleiben, eines Hitchcock-Films: Ein Mann ist tot, seine Frau ist bald verdächtig, die Polizei ermittelt, der Fall scheint klar und ist dann auch recht schnell gelöst – oder doch nicht? Aber so einfach ist die Sache nicht, denn die Geschichte hat einen spannenden Haken, weil der zuständige Polizist sich zusehends in die Verdächtige verliebt. Aber fangen wir am Anfang an. Ki Do-soo, ein Mann, der bei der koreanischen Einwanderungsbehörde gearbeitet hat, stürzt bei einer Wanderung von seinem Lieblingsfelsen und ist tot. Selbstmord scheint zunächst ausgeschlossen und ein Unfall erst recht, denn Ki Do-soo war ein geübter Kletterer. Es dauert nicht lange, und seine um einiges jüngere Frau Seo-rae, eine gebürtige Chinesin, der er einst kraft seines Amtes geholfen hat, nach Korea einzureisen, gerät unter Verdacht. Wie das? Zu sehr scheint ihr der Tod des Mannes gleichgültig zu sein, im Verhör gibt sie sich entspannt, einer der Polizisten, der junge Soo-wan, will sogar bemerkt haben, dass sie lächelt.

Doch die Angelegenheit wird zusehends kompliziert. Inspektor Jang Hae-jun, der führende Ermittler, gespielt von Park Hae-il, einem der koreanischen Top-Stars, beginnt, die Frau, die ihn auf unerklärliche Weise fasziniert, nachts in ihrer Wohnung zu beobachten, aber aus der Ferne. Seine Schlaflosigkeit hilft ihm dabei. „Du schläfst nicht, weil du dich auf die Lauer legst“, sagt der Kollege, worauf der Inspektor antwortet: „Ich lege mich auf die Lauer, weil ich nicht schlafen kann.“ Allmählich beginnt er zu imaginieren, dass er bei Seo-rae im Wohnzimmer sitzt, und seine Befragungen der Frau werden zunehmend, nun ja, herzlicher. Einmal bestellt er sogar das Luxus-Sushi-Set für sich und die Tatverdächtige, während die empörten jungen Kollegen sich mit Fast Food begnügen müssen. Das Geschehen spielt in der Großstadt Busan im Süden der Republik Korea – einem Zentrum der koreanischen Filmindustrie, das nur als Anmerkung. Inspektor Jang sieht seine Frau nur am Wochenende, weil sie in einer anderen Stadt arbeitet. Das Bemerkenswerteste an dem Polizisten ist nicht, dass er schlaflos ist (das kennt man weiß Gott aus vielen anderen Polizeifilmen), sondern dass er sehr sensibel ist, mehr, als ihm guttut. „Er trägt keine Waffe bei sich, aber dafür Wischtücher“, wie Park Chan-wook in einem Interview treffend angemerkt hat. Er kann zwar durchaus Faustschläge austeilen – das sieht man in einem anderen Fall, an dem er gerade arbeitet –, zeigt aber dann auch Verständnis für den Gegner, in diesem Fall für einen Mann, der seinen Rivalen umgebracht hat, weil dieser seine Frau angebaggert hatte. Doch damit nicht genug: Wenn die Sonne zu grell scheint, muss der empfindsame Inspektor Augentropfen in die Augen träufeln.

Und dann kommt die schöne Seo-rae, und der arme Inspektor verliebt sich in die ein wenig mysteriöse Frau wie ein Schuljunge. Seine Versuche, dagegen anzukämpfen, werden zunehmend hilfloser, und es ist wirklich anrührend, dem zuzuschauen. Selten hat man einen so sanften, weichherzigen Mann in einem Kriminalfilm gesehen. Das kommt nicht von ungefähr. Er wollte, so Park Chan-wook, das Klischee der typischen Macho-Polizisten mit einem Gegenmodell konterkarieren und habe sich unter anderem von der Figur des Kommissars Martin Beck, erdacht vom legendären schwedischen Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö, inspirieren lassen. Park Hae-il spielt diesen Mann einfach hinreißend, auch dann, als der Polizist sich allmählich eingestehen muss, dass seine Verdächtige, über die er – es ist inzwischen, ein wenig überraschend, ein Abschiedsbrief des toten Ehemannes aufgetaucht – schützend die Hand gehalten hat, vielleicht doch nicht die ist, von der er gerne hätte, dass sie es ist.

Aber wo „normale“ Filme vielleicht zu Ende wären, geht es hier erst richtig los, denn Park Chan-wook vollzieht einen kompletten Orts- und Stimmungswechsel: Inspektor Hae-jun ist in die Küstenstadt Ipo gezogen, um dauerhaft bei seiner Frau Jung-an zu leben. Außerdem hofft er wohl, Seo-rae vergessen zu können. Aber, wie könnte es anders sein, es dauert nicht lang, und bei einem Spaziergang mit Jung-an trifft er sie wieder, zusammen mit ihrem neuen Ehemann. Großes Erstaunen allerseits, und – hier setzt Park den letzten komödiantischen Schlenker – Jung-an bemerkt, aus dieser Stadt würden viele wegziehen, wegen des ewigen Nebels, es sei ungewöhnlich, dass sich jemand hier neu ansiedle. Dass wenig später Seo-raes zweiter Ehemann ebenso gewaltsam zu Tode kommt wie der erste, ist fast keine Überraschung, und auch dieser Fall scheint bald geklärt. Glaubt man.

So virtuos die Krimihandlung gehandhabt wird, die in der Tat verblüffend ist, sie wäre nichts ohne das reichhaltige Bukett an Details, das Park Chan-wook darum herum arrangiert hat. Da wäre zunächst der mehrmalige Wechsel im Tonfall: Die Frau im Nebel beginnt, man glaubt es kaum, durchaus komödiantisch. Bei der ersten Begegnung zwischen Seo-rae und Hae-jun meint sie, ihr Koreanisch sei „unzureichend“, worauf der Polizist meint, es sei besser als seines. Die liebevollen Sticheleien zwischen Hae-jun und seinem jungen Kollegen, der ihm während gemeinsamer Autofahrten den Nacken massieren muss, sind sehr witzig. Dann bricht diese unglaublich dichte und schöne (Fast-)Liebesgeschichte wie ein Orkan über einen herein; sie ist mit Worten kaum zu beschreiben. Die Unmöglichkeit für die beiden, zusammen zu sein, erinnert ein wenig an Wong Kar Wais In the Mood for Love, aber – siehe oben – Park Chan-wook hat längst einen vollkommen eigenständigen Stil, eine souveräne Erzählweise gefunden, und in Sachen Figurenzeichnung gibt es ohnehin kaum jemanden, der ihm das Wasser reichen kann.

Ein toller Schachzug ist auch sein Einfall, die weibliche Hauptrolle mit Tang Wei, die im realen Leben mit dem koreanischen Regisseur Kim Tae-yong verheiratet ist, zu besetzen: Die chinesische Schauspielerin, die 2007 mit ihrer tollkühnen und freizügigen Darstellung in Ang Lees Lust, Caution für großes Aufsehen gesorgt und sich in ihrer Heimat mächtig Ärger eingehandelt hatte, bietet hier erneut den ganzen Reichtum ihres Könnens auf. Ihre größte Fähigkeit besteht wohl darin, dass sie allein mit ihrem Gesichtsausdruck so viele verschiedene Facetten einer Figur darstellen kann wie kaum eine andere Schauspielerin. Aber nicht nur das: Dass Seo-rae in der Story eine gebürtige Chinesin ist, verleiht der Geschichte noch einmal einen besonderen Reiz, und es entwickelt sich daraus ein ganzer, durchaus wichtiger Erzählstrang, besonders, was die Beziehung zwischen Seo-rae und ihrem verstorbenen ersten Ehemann betrifft.

Park Hae-il in einer Szene aus „Die Frau im Nebel“
Park Hae-il in Die Frau im NebelFoto: Plaion Pictures

Mit dem Umzug der Geschichte und der beiden Hauptfiguren nach Ipo beginnt schließlich der gewichtigste Teil des Films, der in einem gewaltigen Finale gipfelt, das einem nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Hier wird Die Frau im Nebel, nachdem der Film vorher in alle möglichen Richtungen ausgefranst war, schließlich endgültig zum „reinen“ Genrefilm, wie es die großen Meister des Hollywood-Melodrams, Vincente Minnelli oder Douglas Sirk, nicht besser und mitreißender hätten gestalten können. Die atemberaubend eindrucksvollen Bilder von Kameramann Kim Ji-yong und die berückende Musik von Jo Yeong-wook, der mit Park Chan-wook schon sehr lange zusammenarbeitet, tragen entscheidend dazu bei. Und natürlich ist das auch das Verdienst von Park Hae-il und Tang Wei, die auf der Leinwand etwas entfalten, was mit „Chemie“ nur unzutreffend charakterisiert ist. Kein Zweifel: Park Chan-wook ist ein rares Meisterwerk gelungen, für das er beim Filmfestival in Cannes, dem bedeutendsten der Welt, als bester Regisseur ausgezeichnet wurde.

Dass dem so ist, ist nicht weiter überraschend, denn der 1963 in Seoul geborene Filmemacher gehört längst zu den führenden Autoren des globalen Kinos. Was er anpackt (vielleicht mit Ausnahme seines Hollywood-Debüts Stoker, 2013), wird zu filmischem Gold. Nachdem er an der Sogang University in Seoul Philosophie studiert hatte, gründete er einen Filmclub und arbeitete als Filmkritiker, ehe er beschloss, selbst Filme zu machen. Seine ersten beiden Arbeiten waren eher bescheidene Erfolge, aber schon mit Joint Security Area (2000) landete er einen ersten großen Kassenerfolg, der seinerzeit alle Rekorde brach. Es geht darin um einen dramatischen Zwischenfall an der bekannt heiklen Grenze zwischen Nord- und Südkorea, doch anstatt einen handelsüblichen Militärfilm zu machen, inszenierte Park einen Film über Freundschaft und Loyalität zwischen vier Soldaten (zwei aus dem Norden, zwei aus dem Süden), die „eigentlich“ Feinde sein sollten. Es ist gut möglich, dass der Film von der immer wieder, vor allem in Südkorea, heftig aufbrandenden Sehnsucht nach Wiedervereinigung der Halbinsel profitierte, aber sein Porträt der vier Männer ist wirklich ganz außergewöhnlich. Anzumerken ist auch, dass Park hier erstmals mit dem Schauspieler Song Kang-ho arbeitete, der spätestens mit seiner famosen Darstellung des „armen“ Vaters in Bong Joon-hos Parasite auch international bekannt wurde. Und auch Lee Byung-hun, ein weiterer späterer Top-Star des koreanischen Kinos, ist hier in einer seiner frühen Rollen zu sehen.

Während Joint Security Area vor allem ein lokales Phänomen war, machte Park Chan-wook bald auch international Furore. Zwischen 2002 und 2005 entstanden die drei im Nachhinein als „Rache-Trilogie“ zusammengefassten Filme Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy und (Sympathy for) Lady Vengeance. Sie sorgten für großes Aufsehen, und vor allem Oldboy, der in Cannes mit dem Grand Prix der Jury ausgezeichnet wurde und viele Jahre später ein von Spike Lee eher glücklos inszeniertes US-Remake erfuhr, hinterließ nachhaltigen Eindruck. Ein Mann, der entführt und 15 Jahre lang scheinbar grundlos in einem schäbigen Zimmer festgehalten wird, kommt ebenso unvermittelt frei und macht sich umgehend auf die Suche nach seinem Peiniger. Choi Min-sik spielte die Rolle mit vollem Einsatz und großer Hingabe, und die spektakulären Gewaltausbrüche des Films (und auch der anderen beiden) sind in die Filmgeschichte eingegangen. Doch die Rache, um die es in allen drei Filmen geht, ist letztendlich schal und leer und alles andere als befriedigend: „Die Wahrheit zu entdecken, führt dazu, dass diese Figuren von noch mehr Fragen gequält werden. Die Rache fühlt sich nicht süß an, sondern lässt einen hohl und geplagt von Schuld zurück“, schrieb die englische Filmkritikerin Rebecca Liu im „Guardian“.

Mit I'm a Cyborg but That's Okay (2006), einer liebevoll-verspielten, in einer psychiatrischen Anstalt angesiedelten Farce, vollzog Park einen radikalen Kurswechsel, nur um mit Thirst (2009, wieder mit Song Kang-ho) wieder beim Genre-Kino, diesmal beim Vampirfilm, zu landen, den er aber, wie nicht anders zu erwarten, ziemlich gegen den Strich bürstete. Dann folgte der schon erwähnte Stoker, eine nicht sehr gelungene Hitchcock-Hommage, und 2016 das bisherige Magnum opus des Regisseurs, The Handmaiden (deutsch: Die Taschendiebin), nach dem Roman „Fingersmith“ der walisischen Autorin Sarah Waters. Mit einer im koreanischen Mainstream noch nicht dagewesenen sexuellen Freizügigkeit erzählt Park Chan-wook darin von der turbulenten Begegnung zwischen Lady Hideko, einer reichen jungen Japanerin im besetzten Korea der 1930er Jahre, und ihrer koreanischen Kammerzofe. Diese Zofe ist ursprünglich Hauptfigur eines ausgeklügelten Planes und soll mithelfen, die Lady in eine Anstalt zu verfrachten und sie um ihren Reichtum zu bringen – doch es kommt, wie so oft bei Park Chan-wook, ganz anders. Unbedingt erwähnenswert ist auch Parks zweite westliche Regiearbeit, die hervorragende sechsteilige Mini-Serie The Little Drummer Girl (deutsch: Die Libelle, 2018) nach dem Spionage-Roman von John le Carré, hochkarätig besetzt unter anderem mit Florence Pugh, Michael Shannon und Alexander Skarsgård. Der Komponist Jo Yeong-wook war auch bei diesem Projekt dabei.

Zu diesem Zeitpunkt war bereits evident, dass Südkorea mit Park Chan-wook sowie dem um neun Jahre älteren Lee Chang-dong und dem um sechs Jahre jüngeren Bong Joon-ho nicht weniger als drei Regisseure von Weltgeltung aufweist. Lee Chang-dongs großartige Murakami-Bearbeitung Burning (2018) ließ alle sprachlos zurück und gewann eine Unzahl von Preisen, und über Bong Joon-hos Parasite (2019, ausgezeichnet mit vier der wichtigsten Oscars, darunter als bester Film) muss man sowieso kein Wort mehr verlieren. Doch mehr noch als das: Während im Westen öfters die Auffassung herrscht, asiatische Filme seien per se „Arthouse“ (weil hierzulande nicht so bekannt), gehören die Filme der drei Genannten in Korea sehr wohl zu den Kassenerfolgen, wenn auch vielleicht nicht in dem Ausmaß wie historische Spektakel oder romantische Komödien. Der renommierte Regisseur Park Ki-yong, der Bong Joon-ho an der Filmschule unterrichtet hatte, kann über diese Einschätzung nur den Kopf schütteln und verweist auf das Beispiel von Parasite: „Bei Produktionskosten von rund 15,5 Millionen Dollar hat der Film bis dato rund 265 Millionen Dollar eingespielt“, sagt Park, heute Präsident des Korean Film Council, das unter anderem für die Förderung von Nachwuchstalenten und für die Promotion koreanischer Filme bei den großen Festivals zuständig ist.

Nicht nur K-Pop ist unaufhaltsam auf dem Vormarsch, auch koreanische Filme, die, durchaus an westlichen Genres orientiert, immer auch einen bestimmten Twist aufweisen, der sie von gängiger Mainstream-Ware unterscheidet. Ein Paradebeispiel ist Train to Busan (2016) von Yeon Sang-ho, der auf die simple, aber wirkungsvolle Idee kam, eine Horde von Zombies, die wohl seinem (animierten) Film Seoul Station entstammen, in einen Zug zu verfrachten. Der Film ist das, was die Amerikaner „hilarious“ nennen: über-drüber, spannend und enorm unterhaltsam. Yeon Sang-hos Science-Fiction-Film Jung_E: Gedächtnis des Krieges, stark weiblich besetzt und Anfang 2023 auf Netflix gestartet, gehörte zu den am ungeduldigsten erwarteten Produkten des Streaming-Anbieters. Und dabei reden wir noch gar nicht von den koreanischen Serien, die mittlerweile von einem internationalen Millionenpublikum geradezu verschlungen werden. Man denke nur an Squid Game (2021, die zweite Staffel ist fertig) von Hwang Dong-hyuk, „Netflix' am meisten gesehene Serie, das meistgesehene Programm in 94 Ländern, das mehr als 142 Millionen Mitglieder-Haushalte in seinen Bann zog und während der ersten vier Wochen seiner Ausstrahlung 1,65 Milliarden Zuschauer-Stunden generierte“ (Wikipedia). Und das alles, man stelle sich vor, basierend auf der Idee eines höchst schlichten koreanischen Kinderspiels.

Show-Erfinder und -Runner Hwang Dong-hyuk war 2011 mit Silenced (auch: The Crucible) bekannt geworden, einem dramatischen Bericht in Spielfilmform über einen realen Missbrauchs-Skandal (von sexuellen Übergriffen bis zu massiver psychischer und physischer Gewalt) in einer Schule für gehörgeschädigte Kinder. Im Zuge der Aufarbeitung kamen unfassbare Details ans Licht, die der Film kompromisslos und ohne falsche Zurückhaltung schildert – zartbesaitete westliche Produktionsfirmen hätten vermutlich „huch!“ gesagt. Die Empörung über die von Kirche und Politik lange vertuschten Vorfälle führte zu landesweiten Protesten und letztlich zu einer Gesetzesnovelle. Hwang Dong-hyuk wird, wie übrigens auch seine prominenten Kollegen, dezidiert dem linken politischen Lager des Landes zugeordnet. Sie waren, so Rebecca Liu im „Guardian“, „in den achtziger Jahren an der Universität, als in Südkorea heftig für Demokratie gekämpft wurde.“ Bong Joon-ho und Park Chan-wook waren sogar Mitglieder der kleinen Demokratischen Arbeiterpartei (Minju-nodong-dang), die bis 2011 existierte. Wie Hwang in Silenced klar auf Seiten der Machtlosen steht, nimmt auch Bongs Oscar-Triumph Parasite einen klaren Standpunkt in der Frage ein, wer – die reiche oder die arme Familie – hier eigentlich die Schmarotzer sind.

Die südkoreanische Filmindustrie, die Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre völlig darniederlag, wurde in den letzten 25 Jahren zu einer boomenden Branche, die kontinuierlich im Aufschwung ist. Vor allem mit dem Anreiz für große Konzerne, Kapital in Filme zu pumpen und auf diese Weise Steuern zu sparen, kam der Erfolg. Und man scheute sich nicht, protektionistische Maßnahmen gegen die Übermacht Hollywoods zu ergreifen, wogegen die US-amerikanische Industrie jahrelang vergeblich Sturm lief. Dazu kommen ein bespielhaftes universitäres Ausbildungssystem und eine ungeheure Begeisterung für Film und Populärkultur im Lande. Jahr für Jahr erzielen koreanische Filme in der Heimat Marktanteile, angesichts derer man selbst in den europäischen Vorzeigeländern Frankreich und Dänemark vor Neid erblassen muss.

Ein Ende dieser Erfolgswelle ist nicht in Sicht. Auch Park Chan-wooks Eifer ist ungebrochen. Er arbeitet für HBO an der Mini-Serie The Sympathizer, basierend auf dem vielfach ausgezeichneten Roman des vietnamesisch-US-amerikanischen Autors Viet Thanh Nguyen. Darin geht es um einen jungen Mann, der als Spitzel des Vietcong in die südvietnamesische Armee eingeschleust wurde, nach dem Fall von Saigon in die USA emigriert, dort als Berater für einen Vietnamkriegs-Film (!) arbeitet und schließlich mit einer Art Guerilla-Truppe in seine Heimat zurückkehrt. Das Buch ist ein gewichtiges Dokument aus der hierzulande wenig bekannten vietnamesischen Perspektive, zu dem Nguyen 2021 eine Fortsetzung namens „The Committed“ (2021) schrieb, in der er die weiteren Erlebnisse seines Helden, diesmal in der Diaspora im Paris der achtziger Jahre schildert. Aber das ist noch längst nicht alles. Park Chan-wook hat auch verkündet, er habe sich vorgenommen, einen Western und einen Science-Fiction-Film zu drehen. Man darf sich darauf freuen.

Der Text erschien als Essay im Booklet zur deutschsprachigen DVD- und Blu-ray-Edition von „Die Frau im Nebel / Decision to Leave“, veröffentlicht von Plaion Pictures im Mai 2023.

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