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ThemenGangsterfilmOktober 2010

Bugsy, Lepke und Co.

Das Jüdische Filmfestival zeigt einige zentrale Werke eines Gangster-Subgenres, das nicht allzu bekannt, wenngleich ziemlich spektakulär ist: Kosher-Nostra-Filme.

Warren Beatty und Joe Mantegna in „Bugsy“
Warren Beatty und Joe Mantegna in BugsyFoto: Columbia TriStar

„Kosher Nostra“ war und ist ursprünglich eine zwar eher scherzhafte, aber doch sehr zutreffende Bezeichnung für die Gesamtheit der jüdischen Gangster in den USA im späten 19. Jahrhundert und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Denn dass sich das Gangstertum bzw. die, vereinfacht gesagt, „Mafia“ ausschließlich aus italienischstämmigen Einwanderern zusammensetzte, wie es populärkulturelle Mythen und auch die meisten klassischen Gangsterfilme vermitteln, ist falsch.

Neben einer sehr toughen und schlagkräftigen irisch-amerikanischen Fraktion gab es auch eine vehement agierende jüdische. Diese jüdischen Gangster lebten und „arbeiteten“ mehrheitlich an der Ostküste der USA, vor allem in New York und Umgebung. Benjamin „Bugsy“ Siegel, Louis „Lepke“ Buchalter und Meyer Lansky, um gleich die drei prominentesten Vertreter der Kosher Nostra zu nennen, stammten allesamt aus ärmlichsten Verhältnissen. Sie waren Söhne jüdischer Einwanderer aus Russland (Buchalter), Polen (bzw. dem heutigen Weißrussland, Lansky) und aus der österreichisch-ungarischen Monarchie (Siegel). Louis Buchalter (1897) und Benjamin Siegel (1902) wurden schon in den USA geboren, Meyer Lansky (*1902) noch in Europa, er kam als Neunjähriger 1911 in die Vereinigten Staaten. Ihnen allen gemeinsam war eine Kindheit und Jugend in ärmlichsten Verhältnissen, aus denen sich zu befreien die (Klein-)Kriminalität eine verlockende Möglichkeit zu bieten schien. Die ungeheuren Massenbewegung von Einwanderern, die vor und nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert von Osteuropa aus in die USA strömten, bedingte eine Verarmung und Proletarisierung, die zuvor in den USA, dem „Gelobten Land“ so vieler Immigranten aus aller Herren Länder, unbekannt war. Es entstanden regelrechte Slums, und der alltägliche Überlebenskampf dieser Einwanderer war dramatisch. Die zahlreichen Kinder blieben tagsüber vor allem sich selbst überlassen, während die Eltern mit Hilfe von schlecht bezahlten Jobs, vor allem in der Textilindustrie, versuchten, über die Runden zu kommen.

Gangs of New York

Es ist daher nicht überraschend, dass sich etwa Meyer Lansky und Benjamin Siegel, die später lange und „erfolgreich“ zusammenarbeiteten, einander schon als Kids in den Straßen von Brownsville, einem Stadtviertel von Brooklyn, in dem einige große Textilfabriken zu finden waren, kennen lernten.

Dort trafen die beiden übrigens schon früh auf die späteren italienischen Gangster-Legenden Charles „Lucky“ Luciano (1896–1962) und Francesco Castiglia, besser bekannt als Frank Costello (1891–1973), der später einer der größten und einflussreichsten Mafia-Bosse aller Zeiten wurde und weitreichende Verbindungen zu Politik und Wirtschaft unterhielt. Der Legende nach freundeten sich Luciano und Lansky an, als letzterer sich weigerte, an den sechs Jahre älteren italienischen Jungen, der gerne andere Kinder terrorisierte, „Schutzgeld“ zu zahlen. Lansky, der mit dem Glücksspiel seine kriminelle Karriere begann, war nach einem erfolglosen Versuch als Zuhälter schon 1921, also mit 19 Jahren, ein großes Kaliber im illegalen Alkohol-Geschäft, das nach der Verhängung der Prohibition im Jahre 1919 schon bald zu blühen begonnen hatte. Der „Bugs and Meyer Mob“, dem auch Moe Sedway, Joe „Doc“ Stracher und Abner „Longy“ Zwillman, alle drei später überaus prominente Gangster – Zwillman galt als der „Pate von New Jersey“ –, angehörten, lieferte nicht nur Alkohol, sondern verbreitete auch Angst und Schrecken. Ein weiteres illustres Mitglied der Gang bzw. einer ihrer Köpfe war Arthur Flegenheimer, ein in der Bronx geborener deutschstämmiger Jude, der schon mit 17 Jahren das erste Mal ins Gefängnis musste. Später nannte er sich „Dutch Schultz“. Schultz wurde nur 33 Jahre alt. Er starb 1935, geradezu klassisch, bei einem Mordanschlag durch seinen ehemaligen Gang-Kumpel Charles Workman in einem Restaurant in Newark, New Jersey. Gemeinsam mit ihren italienischen Freunden Costello und Luciano wurden diese noch recht jugendlichen jüdischen „tough guys“ auch als „Broadway Mob“ bekannt.

James Woods und Robert De Niro in „Once Upon a Time in America“
James Woods und Robert De Niro in Once Upon a Time in AmericaFoto: Jugendfilm Verleih

Eine weitere gefürchtete Gruppierung war die „Murder, Inc.“, angeführt vom schon erwähnten Louis „Lepke“ Buchalter. Auch Buchalter, ein äußerst unangenehmer Zeitgenosse, der 1944 – übrigens als einziger der ganz großen amerikanischen Gangsterbosse überhaupt – in Sing Sing auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde, begann seine kriminelle Laufbahn sehr früh, auf den Straßen der Lower East Side und später als Mitglied einer Street Gang mit dem poetischen Namen „Amboy Dukes“ (später benannte sich eine Rockband nach ihnen). Mit 18 landete er das erste Mal im Gefängnis und wurde später ein gefragter Auftragskiller. Die „Murder, Inc.“ war eigentlich ein Zusammenschluss diverser jüdischer Banden, aber signifikant war doch ihre Zusammenarbeit mit der Cosa Nostra; ja sogar der eine oder andere Ire war in der Gang vertreten. Ziel war in diesem Fall keine ethnische Abgrenzung, sondern die brutale Durchsetzung von eigenen Interessen, Einfluss und Reichtum. Der Name, den sich die jüdischen Mobster durchaus stolz gegeben hatten, verweist schon auf ihre Aggressivität. Auf das Konto der „Murder, Inc.“, die bis Ende der dreißiger Jahre aktiv war – zunächst nur in New York, später auch überregional – gehen zahllose Morde. Sie waren im Alkoholschmuggel aktiv, im Glücksspiel und immer wieder auch in den erbitterten Arbeitskämpfen, die in den zwanziger Jahren vor allem das Textilviertel von New York erschütterten. Auch in der „Murder, Inc.“ waren legendäre jüdische Gangster vertreten, darunter Harry „Pittsburgh Phil“ Strauss, Albert „Tick-Tock“ Tannenbaum und Martin „Bugsy“ Goldstein. Strauss und Goldstein wurden schon drei Jahre vor Buchalter in Sing Sing hingerichtet.

Jung im Kugelhagel zu sterben oder auf dem elektrischen Stuhl zu landen, war das Risiko, das diesen wenig zimperlichen jüdischen Gangstern ebenso blühte wie ihren italienischen oder irischen Pendants. „Bugsy“ Siegel, berühmt geworden, weil er, ebenso wie Meyer Lansky und Lucky Luciano, in die Gründung und den Aufbau des Glücksspiel-Syndikats in Las Vegas und an der Westküste verstrickt war, wurde 1947 ermordet, weil er beim Bau des legendären Flamingo-Hotels in Las Vegas Geld abgezweigt hatte. Meyer Lansky, auch „Honest Meyer“ genannt, weil er angeblich nie einen „Kollegen“ betrogen haben soll, war es als einzigem der großen Kosher-Nostra-Gangster beschieden, 81 Jahre alt zu werden.

Es handelt sich bei der „klassischen“ Kosher Nostra im Wesentlichen um eine einzige Generation von Männern, die allesamt um die Jahrhundertwende geboren wurden und von denen die meisten nicht sehr alt wurden. Im Unterschied zur italienischen Mafia, oder korrekter: „Cosa Nostra“ („Unsere Sache“), die sich aufgrund ihres ausgeprägten Clan- und Familiensystems immer weiter erhielt, war die Kosher Nostra ein temporäres Phänomen, wenngleich „Spätgeborene“ wie der berühmt-berüchtigte Mickey Cohen (1913–1976) die „Tradition“ durchaus weiterführten: Cohen war nicht nur einer der engsten Vertrauten von Bugsy Siegel, er war enorm einflussreich an der Westküste, vor allem in Los Angeles, wohin die Familie in den 1910er Jahren gezogen war; auch Cohen stammte aus einer russischstämmigen Familie, die – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft – die Reise nach Übersee gewagt hatte. Cohen hatte ein Faible für Hollywood, wo er nicht nur mit allen möglichen weiblichen Stars in nahen Kontakt kam, sondern sich auch in gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen und während der Kommunistenjagd des republikanischen Senators Joseph McCarthy „hervortat“. In den Büchern des großen amerikanischen Krimiautors James Ellroy über das Los Angeles der Vierziger und Fünfziger Jahre spielt Cohen eine wichtige Rolle.

Hollywood und die Kosher Nostra

Die wild bewegten Lebensgeschichten dieser großen Gangster, aber auch der zahlloser anderer wie Arnold „The Brain“ Rothstein, Abe „Kid Twist“ Reles oder Samuel „Red“ Levine (schon die Spitznamen haben es in sich), würden ganze Bücher füllen und tun dies auch, ebenso wie die schier undurchdringlichen Verästelungen ihrer Gangs, ihrer Aktivitäten, ihrer Verbindungen zur Cosa Nostra, ebenso wie die Liste der von ihnen verübten Straftaten, allen voran der zahlreichen Morde. Es ist also kein Wunder, dass die US-amerikanische Populärkultur – und deren wichtigster Zweig ist nun einmal der Film – nicht an so illustren Gestalten vorbeigehen konnte. Der Gangsterfilm wurde – allerspätestens mit dem Aufkommen des Tonfilms, als man die Gangster sprechen, die Telefone läuten, die Autoreifen quietschen und die Schusswaffen ballern hören konnte – zu einem der populärsten Filmgenres überhaupt, und die Faszination ist bis heute angebrochen. Der Gangster gilt, trotz seiner Brutalität und seiner oft unangenehmen psychischen Disposition (man denke nur an James Cagney in Raoul Walshs White Heat, 1949) als eine Art Volksheld, der sich den Autoritäten widersetzt und sich „holt“, was ihm – gemäß dem Volksglauben – auch „zusteht“, das, worauf die braven Bürgerinnen und Bürger, die im Kino setzen, verzichten müssen: Geld, Einfluss, Macht, Sex usw. Dass sich schon sehr früh, in der Realität wie im Hollywood-Film, Verbrechen nicht lohnen durfte, das heißt, dass die großen bösen Helden im Leben wie auf der Leinwand sterben mussten, tat der romantischen Verehrung keinen Abbruch – ganz im Gegenteil. Ein Gangsterfilm, in dem der Held am Ende nicht vollendet stirbt, ist ein seltsames Ding. Als Höhepunkt sei nochmals White Heat zitiert: James Cagney, das neurotische Muttersöhnchen, steht auf einem Öltank in der Raffinerie, ruft: „Made it, Ma, top of the world!“ und jagt sich selbst mit dem Tank in die Luft. Dramatischer und filmisch „schöner“ kann man die Welt nicht verlassen.

Die jüdischen Gangster machen da keine Ausnahme. In Hollywood werden aus ihnen überlebensgroße mythische Figuren. Schon 1960 befasste sich Irving Lerner in Murder, Inc. mit der berüchtigten jüdisch-italienischen Gang und fokussierte auf Louis Buchalter, gespielt von David J. Stewart, und auf Abe „Kid Twist“ Reles (Peter Falk), der nach seiner Verhaftung mit der Staatsanwaltschaft kooperierte und so Buchalter und andere Mitglieder der Gang ans Messer lieferte. Sein Leben endete am 12. November 1941 durch einen, wie man heute vermutet, nicht ganz freiwilligen Sturz aus einem Hotelfenster im 6. Stock auf Coney Island, und das, obwohl (oder weil?) er von sechs Polizisten bewacht wurde.

Louis Buchalter stand auch im Zentrum von Lepke (1975, Regie: Menahem Golan), beworben mit der schönen, wenn auch arg verklärenden Tag Line „He was the king of crime when crime was king“. Der vor kurzem verstorbene Tony Curtis lieferte eine atemberaubende Darstellung des großen Gangsters.

In Richard C. Sarafians Gangster Wars (1982) ging es recht ausführlich um die Kindheit der späteren Mobster auf den Straßen von New York. Sie sind alle vertreten: Bugsy Siegel, Dutch Schultz, Arnold Rothstein, Lepke Buchalter, Lucky Luciano und Frank Costello. Meyer Lansky hieß hier Michael Lasker, wohl, weil der echte Lansky zu der Zeit noch lebte. Neun Jahre später spielte Regisseur Sarafian selbst in Barry Levinsons Bugsy (1991) eine zentrale Rolle als Jack Dragna: Das war jener Mafia-Boss, der mit der Kosher Nostra bei der Gründung von Las Vegas zusammenarbeitete, ohne seine Vorbehalte gegen die jüdischen Gangster jemals aufzugeben. Warren Beatty ist als Bugsy Siegel zu sehen, Ben Kingsley als Meyer Lansky, Harvey Keitel als Mickey Cohen und Elliott Gould als Harry „Big Greenie“ Greenberg. Die komplizierten Vorgänge um Las Vegas und den Gründungsmythos werden einigermaßen verkürzt wiedergegeben, aber trotzdem bleibt Bugsy ein großer Gangsterfilm mit einer phantastischen Besetzung. Im selben Jahr, wenn auch ein paar künstlerische Kategorien darunter angesiedelt, entstand Michael Karbelnikoffs Mobsters. Der Film schildert den Aufstieg der berühmten jüdischen Gangster von der Kindheit in New York bis hin zu ihrem teils unrühmlichen Ende. Richard Grieco ist als Bugsy Siegel zu sehen, Patrick Dempsey als Meyer Lansky und – immerhin – Christian Slater als Lucky Luciano. John McNaughton fokussiert in seinem TV-Drama Lansky (1999), nach einem Drehbuch des renommierten Dramatikers und Regisseurs David Mamet, auf Meyer Lansky und lässt Richard Dreyfuss zur vollen Entfaltung kommen. Eric Roberts spielt diesmal Bugsy Siegel, Anthony LaPaglia Lucky Luciano, Stanley DeSantis spielt Frank Costello und James Harper Longy Zwillman.

Martin Scorseses Casino (1995, nach dem Buch von Nicholas Pileggi) spielt in den Siebziger und Achtziger, hat mit der eigentlichen Kosher Nostra nicht mehr viel zu tun, aber in der Figur von Sam „Ace“ Rothstein (gespielt von Robert De Niro) einen würdigen Nachfolger. Zwar ist er selbst nicht gewalttätig, sein Buddy Nicky Santoro (Joe Pesci) dafür umso mehr. Casino wirft einen sehr genauen Blick hinter die Machenschaften des Glücksspiels in Las Vegas, das – siehe oben – maßgeblich von den großen jüdischen Gangstern etabliert wurde. Den ohne Zweifel umfassendsten Film zum Thema Kosher Nostra lieferte der große italienische Regisseur Sergio Leone: Sein mit Robert De Niro und James Woods großartig besetztes vierstündiges Epos Once Upon a Time in America (1984) rollt anhand fiktiver (aber deutlich erkennbarer) Figuren die Geschichte der Kosher Nostra im New York der zwanziger und dreißiger Jahren auf.

Das Jüdische Filmfestival Wien zeigt drei der wichtigsten Filme zum Thema Kosher Nostra, nämlich Bugsy, Lansky und Once Upon a Time in America – letzteren übrigens erstmals seit seinem österreichischen Kinostart im Jahr 1984.

Der Text erschien im Katalog der Jüdischen Filmwoche im Oktober 2010.

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