Zwischen zwei Welten
Porträt des Künstlers als schöner Mann: Joseph Schildkraut, in Wien geboren, war in Hollywood sehr erfolgreich. Die Geschichte einer Emigration.

Von Wien nach Hollywood und nie mehr zurück: In dieser Hinsicht scheint die Biographie des Joseph Schildkraut nichts Besonderes an sich zu haben. Wie viele seiner in die USA emigrierten Kollegen sah Schildkraut seine Heimatstadt – sieht man von einem kurzen Intermezzo ab – nicht mehr wieder. Es hat ihn überdies, und auch da gibt es Parallelen zu seinen Schicksalsgenossen, niemand eingeladen. Mag sein, daß Österreich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg andere Sorgen hatte, als alle seine verlorenen Söhne und Töchter heimzuholen, und sei es nur für ein Gastspiel oder eine Würdigung. Traurig ist es trotzdem.
Es war in jenen Tagen des Jahres 1938, als Österreich aufhörte zu existieren. Joseph Schildkraut aus Wien lag im fernen Los Angeles schon zu Hause im Bett, als ihn das Telefon hochschrecken ließ. Ein Mann, der nicht einmal seinen Namen nannte, beschwor ihn, zur Oscar-Verleihung in die Biltmore Bowl zu kommen, es sei dringend. Schildkraut, der sich gegen Ralph Bellamy (in Leo McCareys The Awful Truth) und Thomas Mitchell (in John Fords Stagecoach) keinerlei Chancen ausgerechnet hatte, war erst gar nicht zu der Veranstaltung gegangen. Als er sich schließlich doch aufraffte, konnte er aus den Händen von Frank Capra, dem Sohn sizilianischer Einwanderer, den Preis für den besten Nebendarsteller entgegennehmen: für seine Rolle des fälschlich des Verrats angeklagten jüdischen Offiziers Dreyfus in dem Warner-Bros.-Film The Life of Emile Zola (der in Deutschland geborene William Dieterle hatte Regie geführt, der Alt-Österreicher Paul Muni die Hauptrolle gespielt). Zufall oder nicht, es ist eine schöne Geschichte, wie sie das Leben allzu selten schreibt, auch – und vor allem – das Leben Joseph Schildkrauts.
Für diese vergleichsweise winzige und eigentlich wenig pointierte Rolle mit dem Academy Award bedacht, ging Schildkraut ein Jahr später trotz seiner furiosen Leistung als intriganter prärevolutionärer französischer Minister Fouquet in James Whales The Man in the Iron Mask leer aus. Möglich, daß die Auszeichnung für seine Dreyfus-Rolle eine Kompensation dafür war, daß man siebzehn Jahre lang den hervorragenden Charakterdarsteller Schildkraut zum reinen pretty boy, zum Exoten, zum romantischen Dandy gestempelt hatte.
Doch der Reihe nach: Joseph Schildkraut war ein waschechter Wiener, mit einem aus Rumänien stammenden Vater und einer in Ungarn, in der Nähe der slowakischen Grenze, geborenen Mutter. Am 22. März 1896 kam Joseph als Sohn des Rudolf Schildkraut und der Erna, geborene Weinstein, zur Welt. Es war die vielbeschworene Welt der Jahrhundertwende, als in Wien die Künste in allen ihren Ausformungen blühten und der Antisemitismus noch bloß der „Sozialismus der Idioten“ (Viktor Adler) war. Rudolf Schildkraut, ein aus seinem ärmlichen rumänischen Heimatdorf buchstäblich entsprungener, von einer leidenschaftlichen Liebe zum Theater beseelter Wanderschauspieler, hatte sich am Raimundtheater als Komiker etabliert und war drauf und dran, den großen Schritt zum „seriösen Fach“ zu wagen.
Im Jahre 1900 war es soweit: Als der Wiener Baron Alfred von Berger zum Direktor des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg berufen wurde, nahm er Rudolf Schildkraut mit sich, und zwar als Charakterdarsteller, nicht als Komiker. Der kleine Joseph wuchs sehr behütet, aber isoliert auf. Das Familienleben der Eltern war keineswegs in Ordnung; Rudolf Schildkraut, der aufsteigende Star der deutschen Theaterszene, war berüchtigt für seine zahllosen Affären und seinen leichtsinnigen Umgang mit Geld.
Als Ersatz für die fehlenden Freunde, so schreibt Joseph Schildkraut in seiner Autobiographie, begann er sich mit Musik zu beschäftigen, eine Leidenschaft, die er von der Mutter geerbt hatte. Der Vater war damit einverstanden, umso mehr, als die Musik, wie er dachte, seinen Sohn davon abhalten würde, ebenfalls Schauspieler zu werden. Joseph lernte Violine und Klavier, während sein Vater seine Stellung als wichtigster Schauspieler in Bergers Theater ausbaute. In diese Zeit fallen auch Josephs erste größere Auslandsreisen – zu seinen Großeltern väterlicherseits, die vor dem wachsenden Antisemitismus in Rumänien nach Buenos Aires geflohen waren. Bei einem Gastspiel seines Vaters im Deutschen Theater der argentinischen Hauptstadt feiert er sein Bühnendebüt.
Bald begannen Berlin und der kometenhaft aufgestiegene Max Reinhardt ihre Fühler nach dem großen Star Rudolf Schildkraut auszustrecken, und dieser übersiedelte – gegen den erbitterten Widerstand seines Förderers Alfred von Berger – im Jahre 1905 in die Reichshauptstadt. Dort debütierte er als Shylock in Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ und sollte in der Folge unter Reinhardt seine größten Triumphe zu feiern.
Joseph Schildkraut besuchte zu dieser Zeit das Mommsen-Gymnasium in Berlin, bis die rassistische Bemerkung eines Lehrers über seinen Vater diesen veranlaßte, den Sohn in eine andere Schule zu schicken. Daneben besuchte Joseph die Musikakademie. Inzwischen aber war seine Leidenschaft für das Theater voll entflammt. Rudolf Schildkrauts extravaganter Lebenswandel hatte die Familie in immer größere Bedrängnis gebracht, und das Wohnungsinventar wurde mehr als einmal von den Behörden gepfändet. Es traf sich, daß im Jahre 1911 ein Angebot des Irving Place Theatre aus New York eintraf, dem führenden deutschsprachigen Theater der Stadt. Man bot Rudolf Schildkraut 35.000 Dollar für ein vierwöchiges Gastspiel, bei dem er in nicht weniger als vierzehn seiner berühmtesten Rollen auftrat. Bald kam die Familie nach. Und Joseph betrat zum ersten Mal den Boden der Vereinigten Staaten.
Während sein Vater in der heute fast völlig versunkenen und vergessenen Welt der jiddischen Theater an der Lower East Side erfolgreich war, besuchte der Sohn, unter dem Vorwand, Englisch lernen zu wollen, die American Academy of Dramatic Arts. Obwohl eigentlich zu jung, wurde er aufgrund der Fürsprache des berühmten Theaterproduzenten David Belasco aufgenommen. Zu seinen Klassenkollegen zählten die späteren Leinwandgrößen Edward G. Robinson (als Emanuel Goldenberg in Rumänien geboren) und William Powell. Sein Englisch wurde so gut, daß man ihm in den zwanziger Jahren eine Auszeichnung für „das beste und reinste Englisch auf einer New Yorker Bühne“ verlieh.
Als die Familie Schildkraut – auf Grund finanzieller Probleme – im Mai 1913 nach Berlin zurückkehrte, wurde Joseph von Reinhardt ans Deutsche Theater verpflichtet und debütierte als Wachposten in Schillers „Don Carlos“. Den Sommer 1914 verbrachte die Familie in Wien, wo Rudolf Schildkraut in einem Film mitspielte, doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden die Dreharbeiten gestoppt. Die Schildkrauts reisten erneut nach Berlin zurück. Joseph wechselte ans Lessing-Theater und lernte dort jenen Mann kennen, der „mehr als irgendjemand anderer, meinen Vater miteingeschlossen, meinen Schauspielstil und meine Technik beeinflußte“: Albert Bassermann. Der nahm sich des jungen Mannes an und förderte ihn nach Kräften.
1916 wurde Joseph Schildkraut in die österreichische Armee einberufen. Fritz Kortner, der damals an der Wiener Volksbühne spielte, überredete den Direktor des Theaters, um die Entlassung seines Kollegen vom Militär anzusuchen; ein Antrag, dem stattgegeben wurde. Zum ersten Mal waren Vater und Sohn Schildkraut für längere Zeit getrennt, und Joseph begann, aus dem mächtigen Schatten des Vaters zu treten. Er feierte große Erfolge, unter anderem in Stefan Zweigs „Jeremias“ und in Georg Kaisers „Die Koralle“, als die Österreichisch-Ungarische Monarchie endgültig zerfiel. Von 1918 bis 1920 spielte Joseph Schildkraut nicht weniger als hundertzwanzig verschiedene Rollen. Die Nachkriegsjahre und die großen wirtschaftlichen Probleme, die sie mit sich brachten, ließen ein Angebot aus New York wie ein Geschenk des Himmels erscheinen: Maurice Schwartz, selbst ein Immigrant, Sohn eines ukrainischen Bauern und nunmehr Leiter des Jewish Art Theatre, bot Rudolf Schildkraut einen lukrativen Vertrag. Unter der Bedingung, daß seine Familie mitkommen dürfe, nahm dieser an. Vater Schildkraut sollte Europa nie mehr, sein Sohn es nur mehr kurz sehen. Sie emigrierten in die USA.
Joseph Schildkraut war einer der ersten unter den vielen österreichischen Künstlern, die später vor allem nach dem „Anschluß“ an Hitler-Deutschland aufbrachen, um den katastrophalen Verhältnissen in der Heimat zu entfliehen, kein „typischer“ Emigrant, sondern eher das, was man heute so feinfühlig als „Wirtschaftsflüchtling“ bezeichnet. Dennoch lassen viele Passagen in seiner Autobiographie keinen Zweifel daran aufkommen, daß er unter dem ganz alltäglichen Antisemitismus, sowohl in Berlin als auch in Wien, stark litt. Immer wieder hatten vor allem deutschnational gesinnte Kritiker auf die „orientalische“ Herkunft seines Vaters verwiesen, Reinhardt (als Max Goldmann in Baden bei Wien geboren) angegriffen. Schildkraut selbst bekam, als er 1932 nach Wien zurückkehrte, um am Deutschen Volkstheater in Erwin Piscators Dramatisierung von Theodore Dreisers An American Tragedy mitzuwirken (übrigens zusammen mit der späteren Emigrantin und zweifachen Oscar-Gewinnerin Luise Rainer), die politischen Verhältnisse am eigenen Leib zu spüren. Rudolf Beer, der Direktor des Deutschen Volkstheaters, bat ihn, nicht mehr aufzutreten, um Ausschreitungen im Publikum zu verhindern. Schildkraut kam nach Amerika nicht unbedingt in der Absicht, dort zu bleiben, er war kein Abenteurer wie sein Freund Erich von Stroheim.
Das Jewish Art Theatre brachte, als Vater und Sohn Schildkraut zum zweiten Mal in New York eintrafen, nicht nur die neuesten europäischen Stücke auf die Bühne (Shaw, Strindberg, Schnitzler und Wedekind), sondern verschrieb sich weiterhin auch der Pflege des jiddischen Kulturgutes. Schauspieler wie die später berühmten Luther und Stella Adler oder Muni Weisenberg (das ist Paul Muni) gehörten dem Ensemble an.
Kenneth MacGowan, Kritiker und Mitglied einer neuen Theatergruppe, der Theatre Guild, hatte Schildkraut in Wien als Cassio in „Othello“ gesehen und war von ihm tief beeindruckt gewesen. Auch die anderen Gründungsmitglieder der Guild stimmten seiner Verpflichtung zu („mein Erscheinen und mein Auftreten — ich war damals ziemlich gutaussehend — erregten ihr Interesse“), und Schildkraut selbst durfte das Stück vorschlagen, mit dem die Truppe erstmals auftreten sollte. Er entschied sich für Ferenc Molnars „Liliom“, ein Werk, das bis dahin noch nie in den Vereinigten Staaten gespielt worden war, ja, das die wenigsten überhaupt kannten. Schildkraut las, so will es die Legende, aus dem einzigen in New York vorhandenen Exemplar vor – und bekam seinen Willen, obwohl längst nicht alle Beteiligten an einen Erfolg glaubten.
Die Aufführung des „Liliom“ mit Schildkraut in der Titelrolle wurde zum Triumph. „Wenn so etwas wie das im amerikanischen Theater passiert“, schrieb der Kritiker der New York Times, „dann können wir Kritiker uns nur in ehrfürchtigem Schweigen zurücklehnen und in Dankbarkeit unsere Hüte ziehen.“ Dieses Engagement hatte für Schildkraut weitreichende Folgen. Zum einen lernte er im Laufe der Aufführungsserie die junge Schauspielerin Elise Bartlett kennen, die er überstürzt heiratete, und mit der ihn eine mehr als problematische Ehe verband, die ohne große Begeisterung acht Jahre lang aufrechterhalten wurde. Zum anderen verschaffte ihm der Erfolg als Liliom seine erste Filmrolle – und uns, die wir über Joseph Schildkraut viel zu wenig wissen, eine erste Möglichkeit, uns ein Bild von ihm zu machen.
Der Film Orphans of the Storm (1921) entstand in einem Studio auf Long Island unter der Regie des großen amerikanischen Filmpioniers David Wark Griffith. Erzählt wird die Geschichte zweier junger Mädchen (Dorothy und Lillian Gish), die in die Wirren des prärevolutionären Paris verstrickt werden, blind die eine, in den Chevalier de Vaudrey (Schildkraut) verliebt die andere. »Ich sah ziemlich gut aus damals«, schreibt Schildkraut, und das ist, gelinde gesagt, eine bescheidene Untertreibung. Fast feminin wirkend in seiner grazilen Gestik, sanft und ritterlich bis zur Selbstaufgabe (er rettet die junge Henriette aus einer prekären Situation und bringt sich selbst damit in Kalamitäten), wirkt er heute mehr wie ein jugendlicher Popstar, der Mädchenherzen zum Schmelzen bringt. Nicht zufällig hieß es damals, Schildkraut sei „ein zweiter Valentino“, ja sogar „hübscher als die beiden Gish-Sisters“. Freilich legte ihn der große Erfolg des Films auf ein ganz bestimmtes Rollenfach fest, das seine Filmkarriere für viele Jahre entscheidend prägen und den Schauspieler möglicherweise noch größere Anerkennung kosten sollte:
„Die Publicity-Abteilung von Griffith‘ Firma dachte, meine Popularität anheizen zu müssen, indem man mich in Zeitungen und auf Plakaten als den schönsten Mann Europas ankündigte. Der Slogan erwies sich als sehr schädlich für meine Karriere. Ich hatte Jahre gebraucht, um das Publikum in Europa vergessen zu lassen, daß ich der Sohn eines berühmten Vaters war. Ich brauchte Jahre in Amerika, um den Eindruck zu beseitigen, ich sei nichts anderes als ein sehr hübscher junger Mann, der seinen Erfolg nicht seinen schauspielerischen Fähigkeiten, sondern vor allem seinen physischen Vorzügen verdanke.“ Das Publikum in New York konnte sich in „Liliom“ davon überzeugen, welch ein begabter Schauspieler Joseph Schildkraut war, „aber das übrige Amerika, wo ich bekannt wurde als Rokoko-Liebhaber mit einer weißen Perücke und Schönheitspunkten auf meinem gepuderten Gesicht, fiel auf die Anzeigenkampagne von Griffith' Publicity-Agenten herein. Auch Hollywood-Produzenten glaubten daran. Ich war ein Typ geworden – der hübsche und kraftlose Jugendliche. Drei Jahre lang hatte Hollywood keine Verwendung mehr für mich.“
Man kann natürlich heute nicht mehr ermessen, welchen Schaden Joseph Schildkraut durch diesen Coup der Griffith-Company genommen hat. Sein bitteres Resümee ist jedenfalls eine ungewöhnlich offene und drastisch formulierte Abrechnung mit dem sogenannten type casting. Wie viele Schauspielerkarrieren mögen wohl schon an dieser unsinnigen Festlegung auf einen einzigen Typ zerbrochen sein? Tatsache ist, daß man Schildkraut nach seinem Erfolg als Chevalier de Vaudrey für einen Film namens Isle of Man verpflichtete; nicht einmal den Regisseur, den aus Schweden stammenden Victor Sjöström, hatte man vorher von seinem Engagement verständigt. Schon nach wenigen Drehtagen aber war klar, daß Schildkraut für die ihm angebotene Rolle nicht paßte. In Song of Love (1923) mit Norma Talmadge spielte er wieder einen Franzosen, diesmal einen Offizier. Der Film war ein Flop. „Um die Wahrheit zu sagen, ich mochte die Arbeit in Stummfilmen überhaupt nicht. Ich brauchte das gesprochene Wort, um mich ausdrücken zu können“ — kein Wunder, daß er seine Theaterkarriere mit wesentlich größerer Vehemenz vorantrieb als seine Filmtätigkeit.
Im Theater folgte Ibsens „Peer Gynt“ dem „Liliom“ nach, in einer bemerkenswerten Inszenierung, die der Russe Theodor Komisarjewski leitete. Ein Vierzig-Mann-Orchester spielte Edvard Griegs „Peer-Gynt-Suite“, und außer Joseph Schildkraut war auch sein ehemaliger Kollege von der American Academy of Dramatic Arts, Edward G. Robinson, zu sehen. Der russische Regisseur Konstantin Stanislawski schrieb nach Moskau: „So einen Peer Gynt wie Schildkraut haben wir in Moskau nicht. Und sie haben viele großartige Schauspieler, die wir noch nicht kennen.“
Dennoch folgte bald danach der Bruch mit der Theatre Guild, als Schildkraut sich weigerte, in einem Stück, das ihm nicht gefiel, aufzutreten. Er wechselte ans Shubert Theatre in Brooklyn und trat dort in „The Firebrand“ von Edwin Justus Mayer auf, das weniger wegen seiner dramatischen Qualitäten, als vielmehr wegen seiner recht freizügig gestalteten Kostüme Aufsehen erregte.
Immerhin brachte der Erfolg dieses Stücks Joseph Schildkraut in Kontakt mit einem anderen großen Filmpionier Hollywoods, dem legendären Cecil B. DeMille, für den er in den nächsten Jahren mehrere Filme drehen sollte.

DeMille hatte zu dieser Zeit mit dem Paramount-Studio gebrochen und eine eigene unabhängige Produktionsfirma gegründet. Der erste Film dieser neuen Gesellschaft war The Road to Yesterday mit Joseph Schildkraut und William Boyd, der später als Western-Serien-Held Hopalong Cassidy große Erfolge feierte. Schildkrauts Rolle in dem Streifen, der in zwei parallelen Handlungsebenen in der Gegenwart und im 17. Jahrhundert spielt, ist auch hier die eines vor allem schönen, wenig aktiven Mannes, der von seinen Verfehlungen der Vergangenheit heimgesucht wird. Einige fulminant inszenierte Sequenzen, darunter ein spektakulärer Eisenbahnunfall, konnten nicht verhindern, daß The Road to Yesterday sich als veritabler Flop erwies, von dem sich DeMille erst mit der Bibel-Verfilmung King of Kings (1927) erholte. Erstmals traten Vater und Sohn hier gemeinsam in einem Film auf, der mittlerweile 65jährige Rudolf als Kaiphas, Joseph in seiner ersten „Schurken“-Rolle als Judas. Weitere gemeinsame Auftritte in DeMille-Filmen folgten, „keiner von ihnen war besonders erfolgreich, keiner von ihnen bedeutete einen Fortschritt in Vaters oder meiner Karriere. [...] Ich litt unter den unmöglichen Rollen, in denen ich besetzt wurde. DeMille war entschlossen, mich dem Publikum als neuen Valentino oder Ramon Novarro aufzuzwingen, als sentimental-romantischen Helden, obwohl mein wirkliches Talent nicht auf diesem Gebiet lag.“ So setzte sich das große Mißverständnis zwischen Hollywood und dem Exil-Wiener Joseph Schildkraut fort, ein Mißverständnis, das in den dreißiger Jahren neue Dimensionen annahm: „Mit wenigen Ausnahmen wurden ihm nie so interessante Rollen angeboten, wie er sie am Broadway spielte“, erinnert sich seine Witwe Leonore. Sein letzter Film in den zwanziger Jahren war dennoch bemerkenswert: Show Boat unter der Regie von Harry Pollard war der zweite Film nach The Jazz Singer, in dem (zumindest teilweise) mit Ton gearbeitet wurde.
Der Tod seines Vaters im Juli 1930 stürzte Joseph Schildkraut in eine tiefe Depression. Rudolf Schildkraut wurde im Mausoleum des Hollywood Cemetery beigesetzt, und kein Geringerer als Cecil B. DeMille hielt die Grabrede. Die katastrophale wirtschaftliche Situation in den USA nach dem Börsenkrach erleichterte Joseph die Entscheidung, nach England zu gehen. Dort lernte er seine zweite Frau Marie McKay kennen. Er heiratete sie in Wien, während des Gastspiels von „American Tragedy“. Man schrieb das Jahr 1932: „Ich konnte dem Gefühl des Untergangs nicht mehr entkommen. Österreich war bereit für Hitler. Das war das letzte Mal, daß ich mein Heimatland sah.“
Die endgültige Rückkehr nach Amerika sah ihn erfolgreich in einer Wiederaufnahme des „Liliom“, wieder mit Eva Le Galliene in der weiblichen Hauptrolle. Sie produzierte das Stück für ihr eigenes Civic Repertory Theatre, das zu dieser Zeit als eine der anspruchsvollsten Bühnen New Yorks galt. Weitere Erfolge dieser Saison waren Alexandre Dumas‘ „Camille“ und eine Dramatisierung von „Alice in Wonderland“, in der Schildkraut die Rolle der Herz-Königin übernahm.
Inzwischen nahm die Zahl der Emigranten, die vor der Rassenpolitik des Nazi-Regimes in die USA geflüchtet waren, ständig zu. Vater und Sohn Schildkraut unterstützten die Neuankömmlinge bei ihren ersten Gehversuchen in der neuen Umgebung: „Jeden Tag“, schreibt Joseph Schildkraut in seiner Autobiographie, „trafen neue Opfer Hitlers ein, Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller und Musiker aus allen europäischen Ländern – eine Armee von Intellektuellen und Künstlern, deren frühere Verdienste ihr ‚Adelsprädikat‘ waren, deren Namen aber – in den meisten Fällen – den Herrschern von Hollywood nichts sagten. Die meisten hatten nur einen Bruchteil ihres Vermögens retten können, manche waren völlig mittellos. Trotzdem litten sie weniger an ihrer Armut als vielmehr an der häufig geäußerten Aufforderung, ihren Namen zu buchstabieren. Sie hatten sich selbst für weltberühmt gehalten, jetzt fanden sie heraus, daß sie nichts als Flüchtlinge waren.“
Schlimmer noch – die einzigen Rollen, die es oft für die emigrierten Schauspieler gab, waren Charaktere, vor denen sie eben erst geflohen waren: „Mein Mann“, so Leonore Schildkraut, „war einer der wenigen deutschsprachigen Juden, die während des Zweiten Weltkriegs nie eine Nazi-Uniform trugen oder einen Nazi-Offizier spielten. Viele von ihnen taten das. Das war manchmal die einzige Arbeit, die sie bekommen konnten. Das heißt, er tat es zweimal, aber das waren Filme vor dem Krieg. Einer davon war Lancer Spy, der andere Idiot’s Delight mit Clark Gable.“
In den späten dreißiger Jahren spielte Joseph Schildkraut in einer großen Anzahl von Filmen, von Garden of Allah (mit der Deutschen Marlene Dietrich und dem Franzosen Charles Boyer unter der Regie des Russen Richard Boleslawski) über William Wellmans A Star Is Born bis hin zum schon erwähnten The Life of Emile Zola. Trotz der hohen Auszeichnung, die er 1938 mit dem Oscar erhielt (ebenso wie der Drehbuchautor Heinz Herald, den er schon aus Berlin kannte), sollte er danach nie wieder für Warner Bros. arbeiten. „»Die Szene, für die er den Oscar bekommen hat, so sagte zumindest Pepi, ist die, als man ihm sagt, er sei frei; und er geht aus dem Gefängnis hinaus und wieder hinein. Er sagte, das sei zur Gänze Dieterles Idee gewesen, nicht seine. Aber er mochte sie so, daß er sagte: ‚Laß mich das noch einmal machen‘. Doch Dieterle meinte: ‚Nein, nein, man kann eine gute Sache auch übertreiben.‘“ (Leonore Schildkraut)
Kaum übertreiben konnte Schildkraut seine famose Leistung als Fouquet — der intrigante Minister Ludwig des XIV. — in dem Abenteuer-Klassiker The Man in the Iron Mask (1939) des Frankenstein-Regisseurs James Whale. Für einmal sieht man hier, welch hervorragender Charakterdarsteller sich hinter all den zweit- und drittklassigen Rollen, die er in den dreißiger und vierziger Jahren spielen mußte, verbirgt. Schildkraut als Fouquet – das ist ein Feuerwerk der Bosheit, ein Ballett des Einfädelns von Schachzügen, die nur ihm selbst nützen, ein Buhlen um die Gunst eines vermeintlich mächtigen Königs, den er in Wirklichkeit längst in der Hand hat. Nichts ist da mehr übrig von dem pretty boy der frühen zwanziger Jahre; wir sehen einen 45jährigen Schauspieler auf der Höhe seiner Kunst, einen Meister der Facetten und Nuancen, erprobt in tausenden Theatervorstellungen vor einem kritischen Broadway-Publikum. Es ist einzig und allein Schildkrauts Verdienst, daß uns dieser Bösewicht Fouquet viel mehr interessiert als all die Gütigen und Edlen in diesem Film, mehr sogar als der berühmte Musketier D’Artagnan.
Im gleichen Jahr kam Ernst Lubitsch' The Shop Around the Corner heraus, mit Joseph Schildkraut als Ferenc Vadas, jener Mann, der seinen Chef mit dessen Frau hintergeht – eine kleine, aber feine Rolle: „Ich spielte zum zweiten Mal einen leichten, humorvollen Part und wurde wieder einmal als Komödiant entdeckt. Ich hatte gehofft, dies würde zu ähnlichen Rollen führen, in denen ich mein Talent zeigen könnte, aber Hollywood besetzte mich weiterhin in den ausgeleierten, pseudoromantischen Rollen oder als Bösewicht in Filmen, die nichts anderes zu bieten hatten, als daß sie Geld machten.“
Dennoch trat Schildkraut, seiner eigenen Einschätzung zufolge, in zwei interessanten Filmen auf: 1941 spielte er in The Tell-Tale Heart nach Edgar Allan Poe, einem fast experimentellen Kurzfilm, der mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. In den fünfziger Jahren arbeitete er sehr viel für das Fernsehen, und schließlich fand seine Darstellungskunst eine herausragende Altersrolle als Otto Frank in The Diary of Anne Frank.
Eintausendundsechsundachtzig (!) Mal hatte er die Rolle von Annes Vater im Theater in ganz Amerika gespielt. Als George Stevens 1959 die Geschichte verfilmte, gab es keinen Zweifel, wer die Rolle spielen würde: Joseph Schildkraut. Daß er dafür in das „Goldene Buch“ der Stadt Jerusalem eingeschrieben wurde – wie zuvor schon Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer, Albert Einstein oder Arturo Toscanini –, mag ihm ein Trost gewesen sein angesichts der Vergeudung, die Hollywood mit seinem Talent, wie mit dem vieler anderer, betrieben hatte.
Joseph Schildkraut starb am 21. Jänner 1964 in Los Angeles.
Quellen: Cecil B. DeMille: Autobiography. New York 1959 · Jim Hoberman: Bridge of Light. Yiddish Films Between Two Worlds. New York 1991 · Gene Ringgold, DeWitt Bodeen: The Films of Cecil B. DeMille. New York 1969 · Joseph Schildkraut: My Father and I. As told to Leo Lania. New York 1959 · Leonore Schildkraut on Joseph Schildkraut. In: Jan-Christopher Horak: Middle European Emigrés in Hollywood (1933–1945). An American Film Institute Oral History under the Sponsorship of the Louis B. Mayer Foundation. Beverly Hills 1977.
Der Text erschien anlässlich der Viennale-Retrospektive 1993, „Aufbruch ins Ungewisse“, in dem Buch von Christian Cargnelli und Michael Omasta (Hrsg.): Aufbruch ins Ungewisse. Band 1: Österreichische Filmschaffende in der Emigration vor 1945. Wespennest, Wien 1993.



